Norwegische Dialekte: Warum jeder anders spricht
Fragen Sie fünf Norweger, wie sie „ich“ sagen, und Sie bekommen vielleicht fünf Antworten. Norwegen hat zwei Schriftsprachen, aber keine offizielle Standardaussprache, und man spricht überall Dialekt: in der Bank, im Parlament und in den Abendnachrichten.
Warum es kein „richtiges“ gesprochenes Norwegisch gibt
In den meisten europäischen Ländern wurde die Sprache der Hauptstadt mit der Zeit zur Norm. Norwegen ging einen anderen Weg. Nach 400 Jahren Union mit Dänemark war die Schriftsprache Dänisch, und die Gebildeten in Christiania (Oslo) und Bergen sprachen ein dänisch gefärbtes Norwegisch. Als die Norweger im 19. Jahrhundert ihre eigene Sprache aufbauten, meinten viele, die Dialekte der Bauern und Fischer seien das eigentliche Norwegisch. Diese Idee hat sich gehalten.
Heute schreibt kein Gesetz vor, wie man zu sprechen hat. Lehrer sollen den Dialekt eines Schülers nicht korrigieren, und Kinder lernen Bokmål oder Nynorsk zu schreiben, während sie so sprechen wie zu Hause. Was viele „Standard-Ostnorwegisch“ nennen, ist einfach die Sprache des Großraums Oslo. Man hört sie oft im Fernsehen und in Lehrbüchern, einen offiziellen Status hat sie aber nicht.
Osten, Westen, Norden und Trøndelag

Sprachwissenschaftler teilen die Dialekte meist in vier Gruppen ein: Ostnorwegisch, Westnorwegisch, Trøndersk und Nordnorwegisch. Die Grenzen sind unscharf, und ein Tal kann anders klingen als das Nachbartal, aber ein paar Wörter verraten viel.
Der klassische Test ist das Wort jeg (ich). In Oslo hört man jeg oder „jæ“. In Bergen und an weiten Teilen der Westküste heißt es eg. In Trøndelag und Nordnorwegen sagen viele æ oder æg, und in Teilen des Binnenlands, etwa in Hedmark und im Gudbrandsdal, hört man i oder je. Ikke (nicht) schwankt genauso: ikke in Oslo, ikkje im Westen, itj in Trondheim und oft ikkje oder ikke im Norden.
Auch die Grammatik unterscheidet sich. Der Bergener Dialekt hat nur zwei Geschlechter, weil das Femininum mit dem Maskulinum zusammengefallen ist; dort sagt man also en bok statt ei bok. Im Trøndersk fällt die Endung oft weg: „å kast“ statt å kaste. Das Fragewort hva (was) wird in Bergen zu ka und in Trondheim zu kå.
Zungen-R und Skarre-R
Sie werden zwei Arten von R hören. Im größten Teil des Landes spricht man ein gerolltes oder geschlagenes Zungenspitzen-R. In einem Gürtel entlang der Süd- und Westküste, von Kristiansand und Arendal bis Stavanger und Bergen, verwendet man dagegen das Skarre-R, das hinten im Rachen gebildet wird, ähnlich wie im Französischen oder Deutschen. Beides ist richtig, und in Bergen findet niemand ein gerolltes R seltsam.
Eine weitere Besonderheit ist das „dicke L“ (tjukk l), ein geschlagener Laut in Wörtern wie sol (Sonne) und gul (gelb). Es ist in weiten Teilen Ostnorwegens und in Trøndelag verbreitet, und viele in Oslo benutzen es ganz selbstverständlich, obwohl es lange als bäuerlich galt. Sie müssen es nicht lernen, aber es hilft, es zu erkennen.
Wie man als Lernender zurechtkommt

Wählen Sie ein Vorbild und bleiben Sie dabei. Die meisten Lehrbücher und Apps folgen dem Ostnorwegischen, und das ist zum Sprechen eine sichere Wahl. Wenn Sie in Stavanger oder Tromsø wohnen, schnappen Sie ohnehin lokale Wörter auf, und das ist völlig in Ordnung.
Fürs Hörverstehen lohnt es sich, die häufigsten Varianten von etwa zwanzig sehr häufigen Wörtern zu lernen: jeg (ich), ikke (nicht), hva (was: ka, kva, kå), hvordan (wie: korsn, koss, åssen), vi (wir: me, mæ) und hvem (wer: kem, kæm). Sobald Sie ka in Bergen und kå in Trondheim erkennen, ist die Hälfte der Verwirrung weg.
Schauen Sie Serien mit norwegischen Untertiteln. NRK untertitelt fast alles, einschalten können Sie das in der NRK-TV-App. Wenn eine Kollegin aus Sunnmøre etwas sagt, das Sie nicht verstehen, fragen Sie einfach: „Kan du si det en gang til?“ Niemand ist beleidigt. Auch Norweger haben Mühe mit den Dialekten der anderen, vor allem mit denen aus den inneren Tälern.
Dialekt bei der Arbeit, im Parlament und im NRK
Dialekt zu sprechen ist in Norwegen kein Zeichen mangelnder Bildung. Minister sprechen am Rednerpult des Storting Dialekt, und seit den 1970er-Jahren lässt NRK Nachrichtensprecher und Reporter in ihrem eigenen Dialekt senden. Eine Wetteransagerin aus Nordland ist völlig normal.
Das heißt auch: Korrigieren oder imitieren Sie nicht zum Spaß jemandes Dialekt, außer Sie kennen die Person gut. Ein Witz über die Sprechweise der Bergener funktioniert unter Freunden, von einem Neuankömmling kann er aber unhöflich wirken. Die Frage „Hvor kommer du fra? Jeg hører at du ikke er fra Oslo“ (Woher kommst du? Ich höre, du bist nicht aus Oslo) ist dagegen ein guter Gesprächseinstieg. Die Leute erzählen gern, wo sie aufgewachsen sind.
Ihr eigener Akzent gehört zu diesem Bild. Norweger sind viele Sprechweisen gewohnt, ein polnischer oder litauischer Akzent ist einfach einer mehr. Saubere Grammatik zählt mehr als eine perfekte Oslo-Melodie.
Nützliche Ausdrücke
- Hvor kommer du fra?Woher kommst du?
- Kan du si det en gang til?Kannst du das noch einmal sagen?
- Kan du snakke litt saktere?Kannst du etwas langsamer sprechen?
- Hva betyr det?Was bedeutet das?
- Hvordan sier dere det her?Wie sagt man das hier bei euch?
- Jeg forstår ikke dialekten din helt ennå.Ich verstehe deinen Dialekt noch nicht ganz.
- Du snakker bergensk, ikke sant?Du sprichst Bergensk, oder?
- Jeg lærer østnorsk.Ich lerne Ostnorwegisch.
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