Eine kurze Geschichte Norwegens

Norwegen ist erst seit gut hundert Jahren ganz unabhängig, doch seine Geschichte reicht viel weiter zurück. Wer ein paar Jahreszahlen kennt – 1814, 1905, 1940 und 1969 –, versteht plötzlich, warum der 17. Mai so gefeiert wird und warum Norweger beim Abendessen über den Ölfonds reden.

Eine kurze Geschichte Norwegens
📷 Petter Ulleland, CC BY-SA 4.0

Die Wikingerzeit

Die Wikingerzeit wird meist vom Überfall auf das Kloster Lindisfarne in England 793 bis zur Schlacht von Stamford Bridge 1066 gerechnet. Norweger segelten nach Westen – nach Shetland, Orkney, Irland, Island und Grönland. Sie waren nicht nur Krieger: Die meisten waren Bauern, Fischer und Händler.

In dieser Zeit wurde Norwegen auch zu einem Reich vereint. Die Sagas schreiben das Harald Schönhaar zu, doch die Einigung dauerte lange. Olav Haraldsson, der 1030 bei Stiklestad fiel, wurde nach seinem Tod zum heiligen Olav, und über seinem Grab entstand der Nidarosdom in Trondheim. Echte Wikingerschiffe sehen Sie im Museum der Wikingerzeit auf Bygdøy in Oslo, und in Borre in Vestfold liegen große Grabhügel.

Die Union mit Dänemark

Die Union mit Dänemark
📷 Morten Kristoffer Vebjørnsen, CC BY-SA 4.0

Der Schwarze Tod kam 1349 und raffte einen großen Teil der Bevölkerung dahin. Das Königsgeschlecht starb aus, und ab 1380 hatten Norwegen und Dänemark einen gemeinsamen König. Die Kalmarer Union von 1397 schloss eine Zeit lang auch Schweden ein, doch Schweden löste sich, während Norwegen bis 1814 bei Dänemark blieb.

Norweger nennen diese Zeit oft «die vierhundertjährige Nacht». Die Macht lag in Kopenhagen, und Dänisch wurde Schriftsprache. Deshalb ähnelt Bokmål so sehr dem Dänischen, und deshalb schuf Ivar Aasen später das Nynorsk aus norwegischen Dialekten. Wer sich fragt, warum Norwegen zwei Schriftsprachen hat, findet hier den Anfang der Antwort.

1814: das Grundgesetz von Eidsvoll

Nach den Napoleonischen Kriegen musste Dänemark Norwegen im Kieler Frieden im Januar 1814 an Schweden abtreten. Die Norweger nahmen das nicht einfach hin. 112 Männer versammelten sich in Eidsvoll nördlich von Oslo, und am 17. Mai 1814 wurde das Grundgesetz beschlossen und datiert. Es beruhte auf Gewaltenteilung und war für seine Zeit sehr liberal.

Schweden antwortete im Sommer mit einem kurzen Krieg. Am Ende stand ein Kompromiss: Norwegen ging eine Union mit Schweden unter einem gemeinsamen König ein, behielt aber sein Grundgesetz und bekam ein eigenes Parlament, das Storting. Deshalb ist der 17. Mai Nationalfeiertag, und deshalb wird er mit Kinderumzügen statt Militärparaden gefeiert. Das Eidsvoll-Gebäude ist zu besichtigen und einen Tagesausflug wert.

1905 und Haakon VII.

1905 und Haakon VII.
📷 Gary Bembridge from London, UK, CC BY 2.0

Die Union mit Schweden wurde immer umstrittener, und der Streit um eigene norwegische Konsulate brachte das Fass zum Überlaufen. Am 7. Juni 1905 erklärte das Storting die Union für aufgelöst. Eine Volksabstimmung im August ergab eine überwältigende Mehrheit für die Trennung, und die Verhandlungen in Karlstad sorgten dafür, dass es ohne Krieg ablief.

Norwegen entschied sich, Monarchie zu bleiben, und bot den Thron dem dänischen Prinzen Carl an. Er bat zuerst um eine Volksabstimmung, bekam ein Ja und nahm den Namen Haakon VII. an. Er wurde zur Integrationsfigur, besonders im Krieg. Die heutige Königsfamilie – König Harald V., Königin Sonja und Kronprinz Haakon – stammt von ihm ab.

Die Besatzung 1940–45

Deutschland griff Norwegen am 9. April 1940 an. Im Oslofjord wurde der Kreuzer Blücher an der Festung Oscarsborg versenkt, was dem König und der Regierung Zeit gab, Oslo zu verlassen. Nach zwei Monaten Kampf gingen sie nach London und führten von dort den Widerstand. Vidkun Quisling übernahm mit deutscher Unterstützung die Macht, und sein Name wurde in vielen Sprachen zum Wort für Verräter.

Die Besatzung dauerte fünf Jahre. Viele norwegische Juden wurden deportiert, und in Finnmark und Nord-Troms brannten die Deutschen beim Rückzug im Herbst 1944 fast alles nieder. Die Befreiung kam am 8. Mai 1945. Das Widerstandsmuseum auf der Festung Akershus und das Falstad-Zentrum in Trøndelag erzählen diese Geschichte eindrücklich.

Das Öl und der Ölfonds

Nach dem Krieg war Norwegen ein bescheidenes Land, das von Fischerei, Schifffahrt und Industrie lebte. Dann wurde kurz vor Weihnachten 1969 in der Nordsee das Ekofisk-Feld entdeckt. Der Staat entschied früh, dass das Öl der Allgemeinheit gehören sollte: Statoil (heute Equinor) wurde gegründet, und der Staat sicherte sich über Steuern und Beteiligungen einen großen Teil der Einnahmen.

Das Geld fließt in den Staatlichen Pensionsfonds Ausland, den alle nur oljefondet, den Ölfonds, nennen. Er investiert weltweit in Aktien, Anleihen und Immobilien, und die Politik darf jedes Jahr nur einen kleinen Teil seines Werts ausgeben, geregelt durch die Haushaltsregel (handlingsregelen). Deshalb diskutieren Norweger über den Ölfonds so leidenschaftlich wie über Fußball: Jeder hat eine Meinung dazu, wie viel ausgegeben werden soll und wofür.

Nützliche Ausdrücke

  • Gratulerer med dagen!Herzlichen Glückwunsch zum Nationalfeiertag!
  • Hipp hipp hurra!Hipp, hipp, hurra!
  • Når ble Grunnloven skrevet?Wann wurde das Grundgesetz geschrieben?
  • Norge ble selvstendig i 1905.Norwegen wurde 1905 unabhängig.
  • Skal du gå i 17. mai-toget?Gehst du im Umzug am 17. Mai mit?
  • Har du vært på Vikingtidsmuseet?Warst du schon im Museum der Wikingerzeit?
  • Besteforeldrene mine opplevde krigen.Meine Großeltern haben den Krieg erlebt.
  • Hvor mye er det i oljefondet nå?Wie viel ist gerade im Ölfonds?

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